GASTBEITRAG
Tag der Elementarpädagogik
Vom Anfang an denken!
von Julia Prinke, Elementarpädagogin

Es gibt Berufe, die sieht man jeden Tag und übersieht sie gerade deshalb. Die Elementarpädagogik gehört dazu. Sie beginnt dort, wo alles beginnt: im frühen Staunen, im ersten Miteinander außerhalb der vertrauten Familie.
Der Tag der Elementarpädagogik lädt uns ein, genau dort hinzuschauen. Nicht mit dem Blick der Defizite, sondern mit der Frage: Was braucht eine Gesellschaft, die sich verändert hat und sich weiter verändern will?
Unsere Gesellschaft ist heute eine andere als noch vor wenigen Jahrzehnten. Frauen leben selbstbestimmt, sie sind hochqualifiziert, sie gestalten Wirtschaft, Wissenschaft und Politik mit. Berufstätigkeit ist keine Ausnahme mehr, sondern Normalität. Diese gesellschaftliche Entwicklung ist ein Gewinn für alle.
Was sich jedoch kaum verändert hat, sind die strukturellen Rahmenbedingungen jener Institutionen, die diese gesellschaftliche Realität überhaupt erst möglich machen. Kindergärten tragen heute weit mehr Verantwortung als früher: Sie sind Bildungsräume, soziale Lernorte, emotionale Ankerplätze. Und sie sind, nüchtern betrachtet, ein zentraler Wirtschaftsfaktor.
Das zeigt sich auch in Zahlen: Die Wirtschaftskammer beziffert den Return on Investment im Bereich der Elementarpädagogik mit etwa 1:8. Jeder Euro, der hier investiert wird, kommt vielfach zurück: durch stabile Bildungsbiografien, durch geringere Folgekosten im Sozial- und Gesundheitssystem, durch eine verlässliche Grundlage für Erwerbstätigkeit.
Gleichzeitig erleben wir im Alltag neue Herausforderungen. Die Lebenswelten von Kindern sind komplexer geworden. Immer mehr Kinder bringen emotionale und soziale Themen mit, die Aufmerksamkeit, Zeit und fachliche Begleitung brauchen. Pädagogische Teams arbeiten hoch engagiert, oft über ihre Belastungsgrenzen hinaus. Dass dabei die Personalfluktuation zunimmt, ist kein Zeichen mangelnder Berufung, sondern ein Hinweis darauf, dass Verantwortung und Ressourcen nicht immer im Gleichgewicht stehen.
Wichtig ist mir eines:
Diese Situation ist keine Frage individueller Schuld. Weder Träger noch Führungskräfte oder Pädagoginnen und Pädagogen haben diese Rahmenbedingungen geschaffen. Viele handeln mit großem Einsatz innerhalb dessen, was möglich ist. Die eigentliche Aufgabe liegt darüber hinaus auf gesellschaftlicher und politischer Ebene.
Wenn wir vom Anfang an denken wollen, dann braucht es jetzt einen nächsten Entwicklungsschritt.
Einen Schritt hin zu zeitgemäßen Rahmenbedingungen, die der heutigen Vielfalt von Kindern gerecht werden.Einen Schritt hin zu stabilen, multiprofessionellen Teams, die Beziehung und Bildung nicht im Dauerstress, sondern mit Qualität gestalten können.
Und einen Schritt hin zu einem neuen gesellschaftlichen Selbstverständnis, das Elementarpädagogik nicht als Kostenstelle sieht, sondern als Zukunftswerkstatt.
Im Kindergarten lernen Kinder, wie Gemeinschaft funktioniert. Hier entsteht Vertrauen – in andere und in sich selbst. Der Tag der Elementarpädagogik ist eine Einladung an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. In die Anfänge zu investieren heißt, nicht nur Kinder zu fördern, sondern den Grundstein für eine Gesellschaft zu legen, die Verantwortung für sich selbst übernimmt.
Julia Prinke
Kindergartenleiterin und Elementarpädagogin
Städtischer Kindergarten Kirchäckergasse, Eisenstadt



